„Wie kommt’s denn, dass du das jetzt liest?“, wurde ich gefragt, nachdem ich meinen aktuellen Schmöker erwähnt hatte. Eine adäquate Antwort wäre vielleicht: „Als Stevenson es geschrieben hatte, war ich noch Quark im Schaufenster. Deshalb kann ich es ja jetzt erst lesen.“
Die Anspielung galt natürlich – zurecht – der Tatsache, dass ich mit „Die Schatzinsel“ (1883) mal völlig aus dem Rahmen falle. Keine vermeintliche Frauenliteratur, nichts aktuelles. In der Tat hatten und haben aber schon immer auch einige Klassiker mein Bücherregal bevölkert, jedoch bin ich gut darin, sie von rechts nach links zu schieben und stattdessen die moderneren Bücher zu bevorzugen. Aber wenn ich in der rechten Stimmung bin, erwarte ich auch mit Spannung, was die alten Klassiker zu bieten haben. Und offenbar war ich in diesem Fall in der perfekten Stimmung, denn ich war absolut begeistert und positiv überrascht.
Es geht um den jungen Jim Hawkins, dessen Vater in einer englischen Küstenstadt eine Schenke betreibt. Er erlebt mit, wie plötzlich ein seltsamer Besucher aufkreuzt und sich langfristig in die Pension einmietet. Der alte Seemann will mit ‚Kapitän’ angesprochen werden und ist lieber abseits des Geschehens, fern von Menschen. Er beauftragt den Jungen für ein paar Penny im Monat nach einem einbeinigen Matrosen Ausschau zu halten und ihn sofort darüber zu informieren, wenn er ihm begegnet. Während der ‚Kapitän’ weiterhin einen Rum nach dem anderen trinkt, obwohl der Arzt Dr. Livesey ihm davon abrät, verschlechtert sich der Gesundheitszustand von Jims Vater. Es taucht ein grausiger Blinder, der „schwarze Hund“ auf, der Jim zutiefst verängstigt und auch dem ‚Kapitän’ mehr als nur einen Schrecken einjagt. Der Seemann erleidet einen Schlaganfall und sowohl Jims Vater als auch der ‚Kapitän’ sterben zu Beginn des Buches. Weil der ‚Kapitän’ noch nicht alle Rechnungen beglichen hatte, öffnen Jim und seine Mutter seine große Seemannstruhe um sich das Geld zu holen. Aber der „schwarze Hund“ und ein paar andere Halunken haben dasselbe vor und so müssen Jim und seine Mutter fliehen. In letzter Sekunde greift Jim noch ein eingewickeltes Päckchen aus der Truhe als Gegenwert, weil sie nicht die vollständige Rechnungssumme abgezählt haben.
Sie fliehen und verstecken sich vor denen, die ebenfalls hinter dem Inhalt der Truhe her sind. Es offenbart sich, dass das kleine Päckchen natürlich eine Schatzkarte enthält, die die genaue Position einer entfernten Insel darlegt und einen Schatz auf deren Topographie verzeichnet. (In meiner Ausgabe fehlte leider die Karte der Insel, aber im Netz und sicher auch in anderen Ausgaben ist sie einsehbar).
Trelawney, der Gutsherr, und Dr. Livesey beschließen eine Expedition zu dieser Schatzinsel aufzustellen, zu der auch Jim als Kajütenjunge mitkommen soll. Sie heuern Seemänner in Bristol an, unter anderem einen Koch namens ‚der lange John Silver’, der – wie es nicht besser hätte sein können – einen Papagei namens Kapitän Flint auf der Schulter trägt. Obwohl er nur noch ein Bein besitzt, hat er rein gar nichts mit der Schreckgestalt gemeinsam, die sich Jim von den Erzählungen des ‚Kapitän’ ausgemalt hatte. Und so weckt sein Auftreten keine Zweifel bei Jim – zumindest zuerst nicht.
Das Abenteuer nimmt seinen Lauf, als die Mannschaft in See sticht und nicht zuletzt, als es endlich heißt „Land in Sicht“.
Robert Louis Stevenson, der Autor von „Der seltsame Fall von Dr. Jeckyll and Mr. Hyde“, hat mit „Die Schatzinsel“ einen zeitlosen und fesselnden Abenteuerroman geschaffen. Ich habe sehr bewundert, wie er es immer wieder geschafft hat, die Spannung aufrecht zu erhalten. Denn sobald sich ein Spannungsbogen dem Ende neigte, war der nächste längst angelegt. Auch die Figuren sind sehr bildlich beschrieben. Man kann ihn förmlich riechen: den Rum, die Meeresluft, die Gier.
Einzige Längen, die es beim Lesen gab, betrafen die Beschreibungen von z.B. dem Segelhandwerk oder der Inseltopographie, was vermutlich daran liegt, dass ich einige Begriffe nicht kannte und bisher weder viele Abenteuerfilme noch –Bücher gelesen habe.
Die Geschichte ist in der Perspektive von Jim verfasst, der gemäß eines Siebzehnjährigen eine leicht verständliche Sprache verwendet. Nur an einer Stelle bricht die Erzählung ab und wird von Dr. Livesey weitergeführt, um den Leser zu informieren, was Livesey und die anderen erleben, als Jim von ihnen getrennt ist. Dieser Perspektivwechsel war für mich unverhofft zäh und hat mich aus dem angenehmen Lesefluss herausgerissen. Umso froher war ich, als ich feststellte, dass Jim bald weitererzählen sollte.
Fazit: Eine wunderbar abenteuerliche Geschichte mit grandiosen Spannungsmomenten und genial konzipierter Handlung! Völlig zurecht ein Klassiker der Weltliteratur.
Geeignet für: Reiselustige und Bücherregal-Schatzentdecker
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